Kleine Welten ganz groß

Hochzeitsstube, Bauernstube und Schulstube; Apotheke, Tante-Emma-Laden und Sägewerk – in den winzigen »Stübeln« von Cornelia und Gunter Flath spielt sich das ganze Leben auf kleinstem Raum ab.

Cornelia Flath beim Stechen eines Spanbaums

Von Sylva Sternkopf | Fotos: Manuela Hamburg

Cornelia Flath sitzt an einem langen Tisch, vor sich Kästchen über Kästchen. Jedes dieser Kästchen ist gefüllt mit klitzekleinen Teilchen – manche von ihnen sind gerade mal wenige Millimeter groß. So klein sind sie, dass die junge Frau sie mit der Pinzette greifen muss. »Eine Friemelei«, wie sie lächelnd versichert. Ein Tups Leim links, ein Tups Leim rechts, dann klebt die Holzspielzeugmachermeisterin mit beherztem Druck zwei hauchdünne Ärmchen an den Körper. So langsam erkennt man, wie die Figur einmal aussehen wird. Kurze Zeit später verleiht Cornelia der hölzernen Dame ihr Gesicht. Zwei Pünktchen für die Augen, ein Punkt für den Mund. Zum Auftragen benutzt sie ein Punktholz, das sie selbst gedrechselt hat.

»So kleine Punkte könnte man mit dem Pinsel nicht malen«, sagt sie und verziert auch gleich noch das blaue Kleid mit lustigen Pünktchen. »Das wird die strenge Lehrerin aus der Schulstube«, schmunzelt Gunter Flath und verrät: »Sie ist meiner Lehrerin aus der Schulzeit nachempfunden – Fräulein Hedwig Mittelbach. Man merkt immer erst später, dass die strengen Lehrer die guten waren.«

Das kann auch Tochter Cornelia bestätigen, die sogar selbst schon an der Holzspielzeugmacher- und Drechslerschule in Seiffen junge Auszubildende unterrichtet hat – im Spanbaumstechen. Doch dazu später. Jetzt geht es erst einmal um die Frisur der Lehrerin. »Der Dutt ist aus einem Senfkorn«, verrät Gunter Flath. »Wir arbeiten viel mit Naturmaterialien – Kümmel als Zöpfe, Blumenkohl aus Gewürznelken, Petersilie als sie selbst.« Blöd nur, wenn die Mäuse das merken – so wie es den Flaths schon einmal passiert ist. Die Mäuse hatten das gesamte Lager verwüstet, sogar die Figuren in ihren Nestern verbaut. Es hatte wohl zu lecker nach Petersilie, Kümmel und Senfkörnern gerochen.

Mäuse kommen in den Flath’schen Stübeln auch anderswo vor – wenn auch aus Holz: zum Beispiel versteckt sich eine hinter der großen Hörsaaltür, die, zugegeben, so groß gar nicht ist. Zwei Zentimeter vielleicht. Maximal. Die Maus misst gerade mal drei Millimeter. Gunter Flath hat lange überlegt, wie er so eine kleine Maus bauen kann. Bis er auf die Idee kam, sie im Seiffener Freilichtmuseum in der traditionellen Technik des Reifendrehens herstellen zu lassen. In winzigen Scheibchen werden die Mäuschen dann vom Mäuseprofil-Reifen abgestochen.

Auch andere Tiere in den Flath’schen Stübeln sind original Seiffener Reifenvieh. Zum Beispiel die Kühe und Schafe in der Krippenstube. So finden in den Stübeln die verschiedenen besonderen Künste des Erzgebirges zusammen. Der Miniaturbau ist eine dieser alten Künste. Entstanden ist er, wie so vieles, aus der Not heraus – kombiniert mit dem besonderen Erfindungsgeist der Erzgebirger. Als nämlich Ende des 19. Jahrhunderts plötzlich Volumenzölle auf die Spielwaren aus dem Erzgebirge erhoben wurden, bauten die Erzgebirger eben einfach kleiner. So klein, bis ganze Bauernhöfe, Dörfer und Spielszenen in eine Streichholzschachtel passten. Manche behaupten sogar, dass dies die Vorgänger der berühmten Matchbox-Spielsachen waren.

Zündholzschachteln hat Gunter Flath auch im Programm. Aber die Stübeln sind seine Spezialität. Hier kann er seine blühende Fantasie ausleben. Mit drei Stübeln hat er 1975 angefangen, heute umfasst sein Sortiment über dreißig. Zu seinen Favoriten zählen die Stübeln mit Funktion – so wie der Hörsaal mit der verschiebbaren Tafel, der Frohnauer Hammer mit den mechanischen Schlagwerken oder das Sägewerk mit beweglichem Gatter. Auch einen Gag hat der verschmitzte 73-Jährige hier und da eingebaut: So steht ein alter Volksempfänger in der Hutzenstube, und hinterm Regal im Versammlungszimmer haben die Herren Vorstände eine Flasche Wein versteckt. Man merkt es ihm und seiner Tochter an: Das Stüblmachen ist ihre Welt. Eine kleine, feine Welt.

Hier sieht man echte Liebe zum Detail: Im Hörsaal hat sich eine kleine Maus versteckt.

Doch die Flaths können auch groß – sogar ganz groß. Denn das zweite Standbein ihres Familienunternehmens ist das Spanbaumstechen. Auch das ist eine alte erzgebirgische Kunst, die uns die Cornelia Flath in ihrem Ladengeschäft an der Seiffener Hauptstraße vorführt.

Spindel einspannen, Eisen ansetzen, los geht’s. Span um Span schiebt sie mit Kraft und Präzision nach oben, bis sich das Holz zu kleinen Locken rollt. Reihe für Reihe, immer schön untereinander. Wahnsinn, wie schnell sie das kann! »Schnellstecher gibt es in Seiffen viele«, sagt die 37-Jährige schmunzelnd. »Da reicht schnell sein allein nicht aus. Man muss schon etwas Besonderes bieten.« Bei Flaths sind das die großen Bäume – bis 1,60 Meter Höhe. So groß wie Cornelia selbst. »Das Spanbaumstechen ist eine körperlich schwere Arbeit und erfordert lange Übung. Und man braucht gutes Holz. Es muss fehlerfrei sein, astfrei, und die Maserung muss ganz gerade im Holz liegen.«

Die Grundkörper, aus denen die Spanbäume entstehen – die Spindeln – drechselt Cornelia selbst. Auf einer hochmodernen Drehbank »mit richtig Bums«, wie ihr Vater stolz erzählt. Christina, die vierte der insgesamt fünf Flath-Töchter und ebenfalls Holzspielzeugmacherin, hat darauf für ihr Meisterstück einen riesigen Holzteller gedrechselt. Ein echter Emmes, wie man im Erzgebirge sagt. Man sieht: Groß und klein liegen bei den Flaths ganz eng beieinander. Denn unter ihren kunstfertigen Händen wird selbst Kleines ganz groß.