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Mit keinem König möcht’ ich tauschen

Vor 150 Jahren wurde Anton Günther geboren, der bekannteste Volks- und Liederdichter des Erzgebirges. Aus seinen schlichten Liedern in erzgebirgischer Mundart klingt eine tiefe Heimatverbundenheit.

 »Dort, wu de Grenz ve Sachsen is, 
in Wald de Schwarzbeer blüht, 
dort, wu mer heit noch klippeln tut, 
in Winter hutzen gieht, 
dort stieht net weit ven Wald derva, 
sieht klaa on ärmlich aus, 
e Hüttel när aus Holz gebaut, 
dos is mei Vaterhaus.« 

(Aus »Mei Vaterhaus«, 1901) 

Ganz am Rande Böhmens, auf der weiten Hochebene zwischen Keilberg und Spitzberg, dort, wo der letzte Schnee manchmal erst im späten Frühjahr taut, liegt das kleine Städtchen Gottesgab. In einem kleinen, schindelgedeckten Häuschen am Stadtrand bringt am 5. Juni 1876 Elisabeth Günther ihr drittes Kind zur Welt, Anton. Der Vater Johann, ein ehemaliger Bergmann aus Joachimsthal (»Thol«), den man hier den »Toler-Hans« nennt, arbeitet in der kleinen Gottesgaber Weißwarenstickerei als Stickmeister und Musterzeichner. Sein karger Lohn reicht allerdings kaum aus, um die wachsende Familie zu versorgen. Man unterhält eine kleine Landwirtschaft, Großmutter, Mutter und Schwester klöppeln – und der musikalische Vater verdient ein paar Groschen dazu, indem er sonntags den jungen Leuten aus Gottesgab und Oberwiesenthal im Grenzwirtshaus »Neues Haus« zum Tanz aufspielt. Der kleine Anton begleitet den Vater oft, und schon bald kann er auf seiner Geige leichte Weisen nach Gehör spielen. 

»Derham in Stübel eng un klaa, 
do wuhnt Zefriedenheit. 
Do sitzt mei alt’s Grußmütterle, 
erzöhlt aus alter Zeit. 
Grußmütterle, Grußmütterle, 
o laab fei noch racht lang! 
Erzöhl noch viel aus alter Zeit, 
Grußmütterle waar net krank!« 

(Aus »Mei Grußmütterle«, 1905) 

Tiefe Liebe und Zuneigung sprechen aus diesen simplen Worten. Anton Günther liebt seine Großmutter Maria, eine einfache, gottesfürchtige Frau, über alles. Wie viele Stunden mochte der Junge wohl lauschend auf ihrem Schoß verbracht haben? Kein anderer Mensch prägt ihn so entscheidend wie sie. 

»Im Wald drinne bi ich gerod wie derham, 
ich kenn e jeds Flackel, mich kennt jeder Baam.« 

(Aus »Der Schwammegieher«, 1899) 

Der Waldbach gluckst leise, Sonnenstrahlen dringen durch die Äste der Fichten und lassen ihre Stämme wie Gold aufglänzen, ein vielstimmiges Konzert aus hundert Vogelkehlen erfüllt die Luft. Für den Jungen steckt der Wald voller Wunder. Stundenlang kann er gedankenversunken im hohen Gras liegen. Förster zu werden – das ist sein großer Traum. Doch die teure schulische Ausbildung kann sich die Familie nicht leisten, und so schickt der Vater den zeichnerisch begabten Anton zu Lithograph Schmidt nach Buchholz in die Lehre. Der Abschied fällt ihm unsagbar schwer. Trotz dass er nur 5 Stunden, heute eine knappe halbe Autostunde, von seinem Heimatort entfernt ist, plagt ihn große Sehnsucht. 

»De Zeit is vergange, 
ich mußt fort ve derham, 
mußt mei Haamit verloßen, 
en Wald on de Baam.« 

(Aus »Der Kuckuck«, 1901) 

Neunzehn Jahre ist Anton Günther alt, als es für ihn schließlich in die große Fremde geht. In Prag tritt er in die königlich-kaiserliche Hoflithographie A. Haase ein, wo er mit 12 Gulden einen ansehnlichen Wochenlohn verdient. Aber heimatliche Gefühle kommen in der fremden Stadt nicht auf. 

»Do draußen in der fremden Walt, 
do find ich halt kaa Ruh. 
De Haiser sei do ganz aus Staa, 
de Menschen aah e su.« 

(Aus »Mei Vaterhaus«, 1901) 

Zum Glück begegnet er Menschen aus der Heimat. Hin und wieder trifft man sich zum »Guttsgewer Obnd« (Gottesgaber Abend), um von der Heimat zu erzählen und zu singen. Wie schön wäre es jetzt, Lieder in der erzgebirgischen Mundart zu haben! Beim Gravieren – Antons Gedanken sind im Elternhaus – kommt ihm eine Melodie in den Sinn und sein erstes Lied »Drham is drham« entsteht. Und es wird zu einer Erfolgsgeschichte: Zum »Guttsgewer Obnd« wird es mit Begeisterung aufgenommen, und so autographiert er den Text auf eine Postkarte, lässt 100 Stück davon drucken – und später weitere 1000 Stück, nachdem das Lied den Weg in die Heimat gefunden hatte und sich auch dort reger Beliebtheit erfreute. 

Das Jahr 1901 soll ein bewegtes Jahr für Anton Günther werden. Man bietet ihm eine Lithographenstelle im dänischen Aarhus an, doch er entschließt sich, in Prag zu bleiben – eine Entscheidung, mit der er sehr ringt. Aber seine Familie braucht ihn. Kurze Zeit später erreicht ihn ein Telegramm: Sein Vater, der ihn kurz zuvor noch in Prag besucht hatte, ist schwer erkrankt! Sofort nimmt Anton den Nachtzug, aber er kommt zu spät. Sein Vater ist tot. 

Anton Günther ist 25 Jahre alt, als er seine Arbeit in Prag und damit seine finanzielle Sicherheit aufgibt und in sein Vaterhaus zurückkehrt. Es gibt viel zu tun in der kleinen Landwirtschaft, für die er jetzt die Verantwortung trägt. Als willkommener Nebenverdienst erweist sich der Verkauf seiner Liedpostkarten, die er jetzt im Selbstverlag herausbringt. Über 20 Lieder sind es mittlerweile. Wann immer die Situation zu Hause es erlaubt, reist er mit der Gitarre im Gepäck durch das Erzgebirge, singt und verkauft seine Karten. Er knüpft Kontakte zum Erzgebirgsverein und anderen Vereinigungen, und wird zu vielen Veranstaltungen – auch über das Erzgebirge hinaus – eingeladen. Höhepunkte sind ohne Zweifel seine Auftritte vor dem sächsischen König Friedrich August III im Dezember 1906 und Juni 1907 auf dem Fichtelberg. So oft ist Anton Günther unterwegs, dass seine Großmutter einmal zu ihm sagt: »Du werscht schu noch esu lang machen, bis dä amol gar nimmer hämkommst.« 

Tritt der »Toler-Hans-Tonl«, wie er sich in Erinnerung an seinen Vater nennt, auf, trägt er stets einen schlichten Lodenanzug. Man sagt, sein Vortrag wirke frisch, einfach und erzählend – niemals rührselig oder sentimental. 

»E Maadel aus ’n Staadtel, dos hot mir gefalln, 
dos war mir de liebste, de schönnste ve alln.« 

(Aus »Es Maadel ven Staadtel«, 1907) 

Schon lange ist Anton Günther in das »Mädchen von Städtchen« verliebt. Aber Marie Zettl, die bildhübsche Zimmermannstochter aus Gottesgab, ist ganze 10 Jahre jünger als er. Da heißt es, sich zu gedulden. Am 9. Juli 1908 ist es endlich soweit: Anton und Marie heiraten in der Gottesgaber St. Annakirche. Die beiden erwerben ein Häuschen, und bald zieht mit Sohn Erwin und Tochter Maria fröhlicher Kinderlärm ein. 

Im Kontrast zum Günther’schen Familienidyll stehen die gesellschaftlichen und politischen Spannungen, die sich in diesen Jahren aufbauen und auch vor der vermeintlich »heilen Welt« Anton Günthers nicht halt machen. Der Ton zwischen der tschechischen und deutschen Bevölkerung im damaligen Kaiserreich Österreich-Ungarn verschärft sich zusehends. In dieser Zeit entsteht Anton Günthers wohl bekanntestes Lied: 

»Vergaß dei Haamit net! Su singt jeds Vögele. 
Vergaß dei Haamit net! Su rauscht der Wald. 
Es heilt der Storm ons zu in kalter Winterschzeit: 
Vergaß dei Haamit net, dort is die Halt! 
Fest stieh zen Volk, der Haamit trei, 
su wolln mir Arzgebirger sei!« 

(Aus »Vergaß dei Haamit net«, 1910) 

Die politische Gewitterstimmung entlädt sich 1914, der erste Weltkrieg bricht aus. Anton Günther muss an die serbische Front. Nach einer Verwundung und langen Lazarettaufenthalten kehrt er 1918 heim nach Gottesgab. Hier ist vieles anders geworden: Sein Bruder Julius, der ihm am nächsten stand, ist im Krieg gefallen. Auch der Schwiegervater lebt nicht mehr, 1919 sollte ihm das geliebte »Grußmütterle« folgen. Jedoch – es gibt auch einen Lichtblick in dieser dunklen Zeit: Seine Frau Marie schenkt ihm ein drittes Kind, Irmgard. 

»Nu hot sich doch endlich der Wind gedreht, 
su klar, su frisch on frei. 
Daar pfefft über Barg on Täler hi 
in die finstern Winkel nei.« 

(Aus »Der neie Wind«, 1935) 

Wogen der Politik bewegen das Erzgebirge, diesseits und jenseits des Gebirgskammes spürt man den neuen Wind, kann seine Folgen doch bei weitem nicht ahnen. Mit der Gründung der sudetendeutschen Partei keimt zunächst Hoffnung auf. Man verspricht, sich für die Identität der benachteiligten sudetendeutschen Minderheit, zu der auch Anton Günther gehört, und gegen die sozialen Nöte einzusetzen. Er lässt sich von der Zuversichtlichkeit anstecken, bemerkt aber bald, dass der »neie Wind« für ihn nicht so rein ist, wie er anfänglich geglaubt hatte. Seine Lieder, in denen sich seine tiefsten Überzeugungen widerspiegeln, singt er hinein in eine politisch und weltanschaulich aufgeheizte Zeit, in der jeder das heraushört, was er heraushören will. Sein anfänglicher Optimismus wird zunehmend gegen ihn ausgelegt, ihm wird vorgeworfen, sich von den Nationalsozialisten vereinnahmen zu lassen. Der einst geachtete und gern gehörte Volkssänger ist tief getroffen durch den Hass der »Brüder aus dem eigenen Volk«. Gleichzeitig werden seine Lieder missbraucht für die Ziele einer Partei, die sich immer offener zum Nationalsozialismus bekennt. Diese Herabsetzung seiner Person und seines Schaffens verletzt ihn im Innersten. Er greift wieder zu Stift und Papier und versucht, sich gegen die bedrohlich wachsende Ideologie des »Herrenmenschentums« zu stemmen: 

»Bild dir nischt ei, bild dir nischt ei! 
Bist när e Mensch, kast weiter nischt sei. 
Gruß oder klaa, arm oder reich, 
ben Afang on ben End sei mir alle z’samm gleich!« 

(Aus »Bild dir nischt ei«, 1935) 

Reisebeschränkungen und neue Devisenbestimmungen machen es ihm jetzt nahezu unmöglich, in Deutschland Geld zu verdienen. Fortan trägt er seine Lieder und Gedichte nur noch bei seinen Landsleuten im »Böhmerland« vor. Man rät ihm, über die Grenze nach Sachsen zu ziehen – aber das lehnt er ab. Wäre das nicht ein Verrat an sich selbst und seinen Liedern, die von Heimatliebe und Treue handelten? Und hätte er in Deutschland die Freiheit, zu schreiben und zu singen, was er dachte? 

Am 5. Juni 1936 spielen die dunklen Wolken am Erzgebirgshimmel und in Anton Günthers Leben einmal keine Rolle. Es ist sein 60. Geburtstag, und ihm wird höchste Ehre zuteil: Erzgebirgs- und Heimatvereine, Chöre, Sportvereine, Lehrer, Priester und Schulkinder, Zeitung und Rundfunk überschütten ihn mit Glückwünschen. Die Bürger seiner Heimatstadt Gottesgab errichten ihm auf dem Marktplatz aus Felsstücken und Gräsern vom nahen Spitzberg einen Gedenkstein. Überwältigt und tief gerührt bedankt er sich in einem Schreiben:»Ich bin nicht in der glücklichen Lage allen dankbar die Hand zu drücken, kann auch nicht allen schreiben. Aber jene Gestalten, die ich in meinen Liedern besungen habe, von Berg und Tal, aus Wald und Feld, aus unseren armen Hütten, die ganze Heimat mit ihren göttlichen Schöpfungen, alles das wird Euch aus meinen Liedern entgegenklingen und dankbar zujubeln, auch wenn ich nicht mehr bin.« 

Im darauffolgenden Jahr zieht sich Anton Günther zunehmend zurück. Seine intensiven Kontakte durch Briefe und Besuche lassen nach. Er wird einsam und versinkt im Dunkel der Depression. Am 29. April des Jahres 1937 scheidet der Toler-Hans-Tonl freiwillig aus dem Leben. Das ganze Erzgebirge trauert. Tausende begleiten Anton Günther auf seinem letzen Weg. Unter den Klängen seines »Feierobndliedes« wird er am 2. Mai 1937 in heimatliche Erde gebettet.


Dieser Text erschien ursprünglich 2016 in unserem Magalog „Seiffener Art“. Hier können Sie ihn online lesen.

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